Nachruf auf Dan Simmons
Dan Simmons gehört zu den außergewöhnlichsten Stimmen der modernen Genre-Literatur. Kaum ein anderer Autor bewegte sich so souverän zwischen Science-Fiction, Horror, historischem Roman und Thriller. Mit sprachlicher Eleganz, literarischen Anspielungen und epischer Vorstellungskraft schuf er Werke, die sowohl Genre-Fans als auch literarisch anspruchsvolle Leser begeistern.
Geboren 1948 in Peoria (Illinois), arbeitete Simmons zunächst viele Jahre als Lehrer, bevor er in den 1980er-Jahren als Schriftsteller bekannt wurde. Sein Debütroman Song of Kali gewann sofort den World Fantasy Award und machte deutlich, dass hier eine neue Stimme im Horror-Genre entstanden war. Den weltweiten Durchbruch brachte ihm jedoch 1989 der Science-Fiction-Roman Hyperion, ein Werk, das häufig zu den bedeutendsten SF-Romanen des späten 20. Jahrhunderts gezählt wird.
Simmons’ Bücher zeichnen sich durch enorme Bandbreite aus:
- philosophische Space Opera
- düsterer literarischer Horror
- historische Abenteuer
- literarische Experimente mit realen Persönlichkeiten
Romane wie The Terror oder Drood verbinden sorgfältige historische Recherche mit unheimlichen Elementen, während der Hyperion-Zyklus zu den großen Epen der modernen Science-Fiction gehört.
Sein Werk zeigt, dass Genre-Literatur ebenso anspruchsvoll, poetisch und tiefgründig sein kann wie klassische Literatur. Simmons hinterlässt eine Bibliothek voller Welten – von fernen Planeten bis zu den dunkelsten Winkeln der menschlichen Geschichte und Psyche.
Transkript
Willkommen zum Rewrite Podcast, dem Science-Fiction-Lese-Podcast, heute mit Fabian und Stefan. Hallo, ihr beiden.
Hallo.
So, und heute sprechen wir über Hyperion von Dan Simmons. Dan Simmons ist ein amerikanischer Science-Fiction- und Horrorautor. Tatsächlich treibt er sich in vielen Genres herum: Science Fiction, Horror, aber auch Fantasy. Er ist Jahrgang 1948. Am bekanntesten ist er wohl für seinen Hyperion Cantos, auf Deutsch die Hyperion-Gesänge. Er ist seit Anfang der 80er-Jahre aktiv. Eigentlich ist er Grundschullehrer; er hat einen Master of Education an der Washington University in St. Louis gemacht.
Angefangen hat er mit Kurzgeschichten, und seinen Durchbruch hatte er dann mit Hilfe von Harlan Ellison. Der Name dürfte vielen gerade auch aus dem Horror-Genre ein Begriff sein. Mit der Kurzgeschichte „The River Styx Runs Upstream“, die im Twilight Zone Magazine erschienen ist, wurde er dann auch bekannt. Tatsächlich hat er aber noch bis 1989 weiter als Grundschullehrer gearbeitet.
Unter anderem hat er noch The Terror geschrieben. Das ist eines seiner neueren Werke und erzählt eine fiktionalisierte Geschichte von John Franklins Expedition auf der Suche nach der Nordwestpassage. Wahrscheinlich ist die Verfilmung am bekanntesten. Ich glaube, die ist bei Amazon erschienen. Ansonsten hat er noch relativ viel im Horrorbereich geschrieben. Da werden zum Beispiel Summer of Night oder Winter Haunting genannt, für die er unter anderem auch in der Presse, im Feuilleton, gelobt worden ist. Und sein erstes Buch war tatsächlich ebenfalls eher im Bereich Horror/Fantasy angesiedelt, nämlich Song of Kali von 1985. Und er schreibt immer noch munter vor sich hin, hat eine ganze Reihe von Kurzgeschichten geschrieben, mehrere dicke Romane, und eventuell werden wir bald eine Verfilmung von Hyperion sehen – als Film statt als Miniserie. Aber das ist noch in einer sehr frühen Verpflichtungsphase.
Das kommt wahrscheinlich dazu, wenn wir in die Details der Story kommen: Es ist nicht so, dass es keine gute Idee wäre, Hyperion und die unmittelbaren Nachfolgebücher zu verfilmen. Das ist eine fantastische Space Opera, aber es ist einfach so viel Stoff. Das kann sich locker mit Star Wars oder dem Star-Trek-Universum messen in der Komplexität, und es wird irgendwie alles angerissen in den Büchern, aber es ist auch alles vorhanden, um daraus etwas Großes zu machen. Nur: Du kannst die Leute auch leicht vor den Kopf stoßen damit. Du kannst es ja nicht auf 90 Minuten runterdampfen. Nicht mal diese sechs Geschichten aus dem ersten Buch kriegst du in einen Film. Also wäre eine Miniserie definitiv die bessere Wahl gewesen, meiner Meinung nach.
Das kommt darauf an, wie es umgesetzt wird. Es gab ja auch die Verfilmung von Cloud Atlas mit Tom Hanks und ein paar anderen bekannten Schauspielern. Die hat zum Beispiel sehr gut funktioniert, und das Werk ist tatsächlich auch relativ episch. Von daher kann ich mir schon vorstellen, dass so etwas funktionieren könnte. Wobei das Buch, was die Verfilmung angeht, das Problem hat – und das haben ja auch manche Kritiker angemerkt –, dass der Plot so ein bisschen dahinplätschert, weil ja unsere Pilger, und da kommen wir gleich zu, ihre Geschichten erzählen.
Ja, ich erinnere mich halt auch an den Anfang und an die Geschichten – nicht mal im Detail an die Geschichten, sondern eher an das grobe Anfangsbild dieses ersten Buches. An die anderen drei erinnere ich mich kaum, und ich kann auch nicht sagen, wie das Ganze zu Ende gegangen ist. Das ist dann bei Ilium und Olympus für mich besser; da weiß ich eher noch, wie es ausgegangen ist. Aber hier weiß ich das überhaupt nicht.
Also ganz kurz: Cloud Atlas und Hyperion sind nicht ganz gleich. Bei Cloud Atlas ist das eher wie Perlen auf einer Schnur, also eine gemeinsame Geschichte. Das ist bei Hyperion anders. Hier haben wir diesen äußeren Konflikt, und dazu können wir vielleicht kommen, wenn Stefan das kurz zusammenfasst. Stefan, einmal ein Interlude mit einer groben Zusammenfassung des Hyperion-Zyklus, und dann gehen wir wieder zurück. Warum ich nicht glaube, dass das ein guter Vergleich mit Cloud Atlas ist: Es könnte schon funktionieren, aber strukturell ist es doch etwas verschieden.
Okay. Also, Cloud Atlas ist ungleich einfacher aufgebaut. Ich komme erst mal zur groben Geschichte, zur Außengeschichte. In der Welt oder im Universum von Hyperion ist es so, dass die Erde durch ein großes wissenschaftliches Experiment vernichtet wurde: den Großen Fehler von Kiew. Innerhalb der Erde wurde ein künstlich erzeugtes schwarzes Loch hergestellt, und damit ist sie zerstört. Die Menschheit lebt auf kolonisierten Welten im All, und die meisten dieser neu besiedelten Planeten werden von der Regierung der Hegemonie beherrscht. Die wird von KIs beraten. Dann gibt es noch ein Allwesen, das irgendwie aus der kollektiven Intelligenz der Menschen besteht, die darüber abstimmen – das bleibt ein bisschen undurchsichtig.
Daneben gibt es noch den sogenannten TechnoCore, also diese künstlichen Intelligenzen. Die sind die Erbauer und Betreiber des Farcasternetzes. Man kann sich das wie Sternentore vorstellen: Es gibt überall Farcaster-Portale im Bereich der Hegemonie, und wenn man durch so ein Tor tritt, wird man sofort zu einem anderen Tor auf einem fremden Planeten transportiert. Der TechnoCore ist auch der Erfinder des Fatline-Netzes, also der Echtzeitkommunikation über beliebige, auch astronomische Distanzen quer durchs All, hauptsächlich über Avatare oder Hologramme.
Zusätzlich verkehren zwischen den verschiedenen Systemen auch überlichtschnelle Schiffe mit dem sogenannten Hawking-Antrieb. Die reisen aber mit relativistischer Zeit und erzeugen eine sogenannte Zeitschuld. Das heißt, die Zeit vergeht für die Reisenden langsamer als für die Zurückgebliebenen.
Die Ränder der Hegemonie und die leeren Räume zwischen den Systemen bewohnen die sogenannten Ousters. Der Name ist eine Anspielung auf die zwangsweise Entfernung aus dem Machtbereich der Hegemonie. Diese Ousters haben sich in Schwärmen organisiert und sich genetisch weiterentwickelt – durch Genmanipulation und Nanotechnologie. Ihnen haftet kaum noch etwas Menschliches an. Von der Regierung der Hegemonie und vom TechnoCore werden sie als Feinde betrachtet. Es kam in der Vergangenheit bereits zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die von beiden Seiten mit großer Grausamkeit geführt wurden.
Der Hyperion-Zyklus besteht aus vier Büchern, die handlungsmäßig weitgehend zusammengehören. Das erste und zweite Buch sind Hyperion und Der Fall von Hyperion, beziehungsweise zusammen die Hyperion-Gesänge. Die gibt es oft im Doppelpack zu kaufen. Das macht Sinn, denn am Ende des ersten Bandes, der hier im Mittelpunkt dieser Podcastfolge steht, bricht die Handlung einfach ab.
Kurz zur Haupthandlung des ersten Buches Hyperion: Das Buch hat einen Prolog und einen Epilog, und dazwischen erstreckt sich die Geschichte über sechs Kapitel. Der Erzählzeitraum der Rahmenhandlung umfasst sieben Tage. Das ist die Zeit, die die Pilger benötigen, um von einem interstellaren Transportschiff bis zu den sogenannten Zeitgräbern im Herrschaftsbereich des Shrike zu reisen.
Es gibt die Welten der Hegemonie, wo überall Farcaster-Portale stehen. Es gibt aber auch das sogenannte Outback – also Planeten wie Hyperion. Auf Hyperion gibt es Artefakte von Außerirdischen und eben die sogenannten Zeitgräber, die von Entropiefeldern umgeben sind. Das ist das große Mysterium von Hyperion: Man weiß nicht, was diese Zeitgräber können. Und es gibt das Shrike. Das ist eine Art mechanische Lebensform, die durch die Zeit reist und als extrem gefährlich gilt. Es ist voller Messer, Klingen und Dornen.
Nach Hyperion ist es üblich, dass immer wieder Leute pilgern. Es gibt eine Kirche des Shrike, eine Kirche des Schmerzes. Und wer dorthin pilgert, bekommt angeblich eine Belohnung vom Shrike – sofern er die Begegnung überhaupt überlebt. Die Menschen haben also unterschiedliche Motivationen, um zu pilgern. Im ersten Band haben wir unsere sieben Pilger, die nach Hyperion reisen dürfen. Diese Pilger erzählen sich auf dem Weg zu den Zeitgräbern ihre Geschichten, also die Ereignisse, die sie zur Teilnahme an der Pilgerreise motiviert haben.
Wir haben:
- die Geschichte des Priesters: „Der Mann, der zu Gott flehte“
- die Geschichte des Soldaten: „Die Liebenden im Krieg“
- die Geschichte des Dichters: „Hyperion-Gesänge“
- die Geschichte des Gelehrten: „Der Fluss Lethe schmeckt bitter“
- die Geschichte der Detektivin: „Der lange Abschied“
- die Geschichte des Konsuls: „Erinnerungen an Siri“
Und die Geschichte des siebten Pilgers fehlt, weil dieser verschwindet. Er ist vermutlich ein Spion der Ousters.
Simmons nutzt diesen Kniff mit den verschiedenen Geschichten, um das ganze Panorama der Hegemonie-Zivilisation vor den Lesern auszubreiten. Das ist schon ein sehr, sehr reichhaltiger Kosmos. Jede einzelne dieser sechs Pilgergeschichten bietet genug Stoff für einen eigenen Roman, was die Verfilmung natürlich zusätzlich erschweren dürfte. Sie sind das Herzstück des Buches und umfassen im Grunde die letzten 200 Jahre der Hegemonie. Man kann sie fast als historischen Abriss dieser Epoche lesen.
Am Ende des ersten Buches sind die Pilger im Tal der Zeitgräber angekommen, und dort endet die Handlung abrupt.
Der zweite Teil, Der Fall von Hyperion, gliedert sich in drei Teile sowie einen Epilog. Die Erzählung setzt mit dem Abflug der FORCE-Flotte ein, und damit beginnt der offizielle Krieg zwischen der Hegemonie und den Ousters. Dieser Band wird aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt. Die eine ist die des sogenannten Kybriden Joseph Severn, also einer künstlichen Lebensform, die vom TechnoCore geschaffen wurde. Die andere Perspektive ist die der hegemonialen Präsidentin Meina Gladstone.
Die Kybriden-Perspektive erfüllt mehrere erzählerische Funktionen. Historisch war Severn der beste Freund des Dichters John Keats, den er bis zu dessen tuberkulosebedingtem Tod betreute. Im Roman träumt der Severn-Kybrid die Träume des ihm vorangegangenen Kybriden John Keats – also nicht des originalen Dichters, sondern einer künstlich rekonstruierten Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit ist merkwürdigerweise in der Detektivin Brawne Lamia, einer der Pilgerinnen, abgespeichert. Damit gibt es also eine Verbindung zwischen dem Severn-Kybrid und den Pilgern. Er kann sie gewissermaßen ausspionieren.
Severn spioniert für den TechnoCore, arbeitet aber auch für Meina Gladstone. Er ist so etwas wie ein allgegenwärtiger Beobachter. Die Sicht der Präsidentin eröffnet dem Leser im Laufe des Romans die wahren Motive und Pläne des TechnoCore. So wie es aussieht, kam der Krieg gegen die Ousters nur zustande, weil der Core ihn angezettelt hat. Und dieser TechnoCore hat vor, die ganze Menschheit zu versklaven – entweder sie zu vernichten oder sie zu geistigen Sklaven im Dienste einer höheren Intelligenz zu machen.
Der TechnoCore versucht eine höchste Intelligenz, eine gottähnliche digitale Wesenheit, zu erschaffen. Dabei stellt sich im Laufe der Handlung heraus, dass der Core irgendwie von den Farcastern profitiert und Energie abzweigt, wenn Menschen sie benutzen. Das führt dazu, dass Meina Gladstone irgendwann verfügt: Die Farcaster-Technologie muss abgeschaltet werden. Das passiert dann auch tatsächlich, und es gibt einige ziemlich verrückte Szenen.
Es gibt nämlich sogenannte Farcaster-Häuser. Die bestehen aus einzelnen Räumen, aber wenn man von einem Raum in den nächsten geht, wechselt man eigentlich den Planeten. Jeder Raum ist ein Farcaster-Tor. Und so gibt es dann Extremsportler, die zum Beispiel auf einem Schneeplaneten Ski fahren, mit Sauerstoffgeräten, weil die Atmosphäre giftig ist. Als die Farcaster abgeschaltet werden, können die natürlich nicht mehr zurück und sterben dann auf ihrem Ski-Planeten, wenn ihnen die Luft ausgeht. Solche und andere Beispiele werden sehr plastisch beschrieben.
Im Epilog, der dann wieder wichtig für die Pilgergeschichten wird, werden die Ereignisse auf Hyperion nach dem Zusammenbruch der Hegemonie beschrieben, und die Erzählstränge der einzelnen Pilger werden abgeschlossen. Also: Was im ersten Buch fehlt, kommt dann hier im Epilog.
Endymion besteht aus zwei Bänden: Endymion und Endymion – Die Auferstehung. Der Hauptunterschied zwischen Endymion und Hyperion ist, würde ich sagen, dass man hier hauptsächlich eine einzelne zusammenhängende Handlung hat. Das ist wesentlich geschlossener und kompakter als bei Hyperion.
Die Hauptperson heißt Raul Endymion und bekommt den Auftrag, sich um Aenea, die „Lehrende“, zu kümmern. Aenea ist so eine Art Heilsfigur, eine Messiasgestalt. Wir haben ja gerade erfahren, dass sämtliche Farcaster-Portale geschlossen wurden beziehungsweise die Technik abgeschaltet wurde, damit der TechnoCore seine Macht verliert. Damit gilt der TechnoCore als besiegt.
Jetzt ist es natürlich nicht mehr ohne Weiteres möglich, dass Menschen überhaupt Raumfahrt betreiben, ohne riesige Mengen Zeitschuld aufzuladen. Unter normalen Umständen kann man also nicht mehr so leicht zwischen den Sternen reisen. Es gibt noch den Hawking-Antrieb, aber der braucht lange. Und dann gibt es einen neuen Machtfaktor: die sogenannte Kirche des Pax. Das ist so etwas wie eine überdimensionierte römisch-katholische Kirche, die hier als neue große Macht auftritt.
Die Mitglieder dieser Kirche des Pax tragen alle ein Kruziform. Wenn später jemand die erste Pilgergeschichte zusammenfasst, erfahren wir, was das ist: in aller Kürze ein Parasit, der den Träger am Leben erhält und wiederbeleben kann, auch wenn er stirbt.
Jetzt gibt es neue Raumschiffe, die mit C-plus-Geschwindigkeit reisen können. Die sind sehr schnell und bringen einen gut von A nach B. Der riesige Nachteil ist nur: Alle Passagiere werden während der Fahrt regelmäßig getötet, weil die auftretenden Kräfte so stark sind, dass sie buchstäblich zerquetscht werden. Reisen können also nur Leute mit Kruziform-Parasiten, weil die danach wieder auferstehen.
Ein Vertreter dieser Kirche des Pax, de Soya, wird damit beauftragt, Aenea und Raul zu jagen und zu stellen. Denn man behauptet, von Aenea gehe eine große Gefahr aus. Die Handlung besteht nun über weite Strecken daraus, dass Raul mit Aenea quer über verschiedene Welten reist, auf der Flucht vor dem Pax. Und Aenea hat einen ganz besonderen Auftrag.
Sie können reisen, weil Aenea offenbar in der Lage ist, Farcaster-Portale zu aktivieren, die eigentlich gar nicht mehr funktionieren dürften. Wie sich später herausstellt, aktiviert sie diese Portale aber nicht technisch, sondern reist durch besondere mentale Techniken mit ihrem Geist. Und das ist im Kern auch die Religion, die sie den Menschen vermittelt: die Fähigkeit, ohne Farcaster zu reisen – aber ebenso effektiv wie mit ihnen.
Dann gibt es noch eine Art Terminatrix, also eine künstliche Lebensform namens Radamant Nemes, die vom TechnoCore ebenfalls losgeschickt wird, um Aenea zu erwischen. Die Handlung geht im zweiten Band weiter, und es ist eine sehr berührende, sehr menschliche Geschichte. Raul und Aenea werden ein Paar, und Aenea wird am Schluss vom Pax gefangen genommen. Wie sich herausstellt, arbeitet der Pax mit dem TechnoCore zusammen. Die stecken unter einer Decke.
Aenea wird brutal gefoltert. Sie soll gezwungen werden, ihre Sprungfähigkeiten einzusetzen, damit man diese aufzeichnen und nachvollziehen kann. Denn wenn sie sich der Folter durch einen Sprung entziehen würde, dann wüssten Pax und TechnoCore, wie es funktioniert, und könnten es nachahmen. Also erduldet Aenea die Folter und ihren schrecklichen Tod, damit der Pax und der TechnoCore nicht in den Besitz dieser Fähigkeit gelangen. Und so gewinnt die Menschheit am Ende genau diese Fähigkeit.
Also, da gäbe es noch mehr Details, aber ich fasse mich bewusst kurz.
Ilium und Olympus spielen im selben größeren Kosmos, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, wie direkt das alles zusammenhängt. Das wird dann relativ verrückt. Der Name Ilium kommt nicht von ungefähr, denn es geht um den Trojanischen Krieg – und der findet auf dem Mars statt. Es gibt die griechischen Götter als überlebensgroße, genetisch manipulierte, nanotechnologisch optimierte Gestalten. Ein wiederbelebter Altphilologe namens Thomas Hockenberry aus dem Jahr 2006 hat die Aufgabe, als homerischer Scholiast den olympischen Göttern von der Belagerung Trojas Bericht zu erstatten.
Dann gibt es zusätzlich noch eine Handlung auf der Erde, die aber irgendwie nicht die Originalerde ist, sondern eine neu geschaffene, kopierte Erde – wie auch immer. Auf dieser Erde leben die Menschen in einem paradiesischen Zustand. Sie gehen von Party zu Party, sind wie die Menschen in H. G. Wells’ Zeitmaschine – also wie die Eloi, die von den Morlocks als Schlachtvieh gehalten werden. Sie leben in Glückseligkeit, können weder lesen noch schreiben, genießen Vergnügungen und werden von roboterähnlichen Gestalten, den sogenannten Voids which Bind-ähnlichen Dienern – na ja, jedenfalls künstlichen Dienern – betreut. In regelmäßigen Abständen werden sie irgendwohin „gefaxt“, dort vollständig erneuert und dann wieder zurückgebracht. Das geht immer so weiter.
In Wahrheit werden sie auch von einem Monster namens Kaliban ausgebeutet und gefressen. Einige Menschen auf der Erde kommen dahinter und versuchen, das Ganze zu ändern.
Es gibt dann noch eine dritte Ebene: zwei künstliche Lebensformen, die heißen Orphu von Io und Mahnmut von Europa. Das sind zwei Spezialroboter. Orphu von Io ist ein schwerer Moravec und Spezialist für Marcel Proust. Mahnmut von Europa ist Tiefseeforscher, U-Bootführer und Spezialist für Shakespeares Sonette. Beide unterhalten sich leidenschaftlich über ihre Autoren und sind ebenfalls in die Handlung verwickelt. Das ist ein sehr schönes Gespann in Ilium und Olympus. Wer griechische Sagen mag, kommt hier voll auf seine Kosten, und es gibt auch zahlreiche schöne Actionszenen. Aber das Ende ist etwas verwirrend.
Ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau erinnern, wie das alles ausgegangen ist, aber Sönke, du hattest gesagt, du weißt das noch eher.
Nee, also genau wie es endet, weiß ich auch nicht mehr. Aber so wie du das erzählt hast, fällt mir das Ende von Endymion auch wieder ein. Ich hatte Endymion und Hyperion komplett ineinander verwoben. Auch das Ende von Ilium und Olympus: Also am Ende ist irgendwie alles gut. Die Roboter kommen zur Rettung, töten die olympischen Götter, die Menschen sind frei, und die Roboter sind auf der Erde angekommen, und irgendwie ist alles wieder gut. Und am Ende graben sie Shakespeares Geburtsort aus und suchen nach ihm. Also ja, ich finde die Geschichte besser als Hyperion, vor allen Dingen viel kürzer mit zwei Büchern statt vier.
Und ich glaube, wie jetzt wahrscheinlich jeder Zuhörer mitbekommen hat, ist das eine unglaubliche Menge an Ideen, die hier hineingeschmissen werden. Es sind, wie gesagt, beides klassische Space Operas. Wir haben sehr, sehr viele Handlungsebenen. Am interessantesten finde ich bei Hyperion die Ebene mit den sechs Geschichten im ersten Buch, und die Endymion-Geschichte ist überhaupt nicht nach meinem Geschmack, vor allen Dingen das Ende nicht. Und die Roboter in Ilium/Olympus sind fantastisch. Also diese Idee, wie sie über Marcel Proust und Shakespeare philosophieren – man kann einiges lernen, und es ist einfach sehr amüsant. Auch wie du es gerade erzählt hast, hat es mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert bei der Erinnerung daran. Man merkt einfach, dass Simmons literarisch sehr bewandert ist.
Ach, du hattest gemutet so. Kai ist auch da – verspätetes Hallo. Ihr bekommt das nicht mit, weil wir das ausgeschnitten haben, aber Kai hat versucht, bis jetzt hinzuzukommen. Also dann ein Hallo an Kai.
Ja, hallo. Ich habe mich leider im Tag vertan. Und deshalb: Hallo, ich bin Kai und ich erzähle euch etwas über den ersten Teil, also die Geschichte des Priesters. Ich habe das Buch auf Englisch gelesen; ich übersetze gerade aus dem Englischen.
Was vielleicht noch gesagt werden sollte: Sie sind auf dem Weg nach Hyperion, in diesem Baumschiff, und dort trifft sich die Gruppe, die jetzt gemeinsam dorthin fliegt. Einer aus der Gruppe ist eben dieser Vater Hoyt, also ein katholischer Priester. Er erzählt, wie er zusammen mit einem älteren Priester, der eine Art Mentor für ihn war, Duré heißt er, schon früher nach Hyperion gereist ist. Wir lernen Vater Duré ein bisschen kennen. Er ist eher Realist und hat vielleicht nicht ganz so kirchentreue Ansichten. Man bekommt nach einer Weile heraus, dass er vermutlich von der Kirche nach Hyperion verbannt wurde, weil er irgendetwas gesagt oder getan hat, das der Kirche missfallen hat.
Hoyt erzählt dann noch mehr: Er selbst ist irgendwann zurückgekehrt, aber Duré ist auf Hyperion geblieben. Dann waren sie jahrelang getrennt, und Hoyt hat nie wieder etwas von ihm gehört. Irgendwann kommt aber ein Tagebuch von Duré an, in dem Duré beschreibt, was er auf dem Planeten erlebt hat. Da ist natürlich sehr viel drin. Letztendlich macht er so eine Art Odyssee, besucht verschiedene Städte und so weiter. Die Städte heißen teilweise wie bekannte literarische Werke oder Personen.
Schließlich kommt er – nach einigen Strapazen, in denen er auch sehr krank war – zu diesen einheimischen „Untermenschen“, so wird es jedenfalls zunächst dargestellt, den Bikura. Er versucht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Irgendwann gibt es dann aber einen großen Schock, als er mitbekommt, dass einer seiner Mitreisenden einfach getötet wurde. Am Anfang weiß er gar nicht, wer das getan hat, aber die haben ihm schlicht den Hals durchgeschnitten.
Dann gibt es eine Diskussion mit ihnen, in der ihm langsam klar wird: Die reden immer vom wahren Tod. Sie hätten diesem Mitreisenden den wahren Tod geschenkt. Er selbst würde ja dem Kreuz folgen, deshalb hätten sie ihn nicht getötet. Nach mehreren Tagen bei ihnen, in denen er die Bikura besser kennenlernt, merkt er, dass sie sehr einfache Menschen sind, und es ist schwer, mit ihnen zu kommunizieren. Nach und nach wird ihm klar, dass sie glauben: Wenn man das Kruziform trägt, kann man nicht wirklich sterben. Also wenn man einen Unfall hat oder getötet wird, lebt man nach einer Weile wieder. Immer wieder. Das ist also nicht der wahre Tod.
Zuerst versteht Duré das nicht. Er sagt: Ich folge doch nur dem Kreuz, ich bin katholischer Priester. Aber irgendwann zeigen sie ihm einen Zugang zu einem unterirdischen Bereich, und zu seinem großen Erstaunen merkt er, dass es sich um ein Labyrinth handelt – und zwar um ein Labyrinth, das im Universum durchaus bekannt ist. Es gibt nur auf wenigen Planeten solche unterirdischen Strukturen, und man weiß nicht, von wem sie errichtet wurden. Man findet in diesen Labyrinthen aber nie irgendetwas. Sie sind riesig, weitverzweigt – und leer.
Er trifft dann irgendwann zusammen mit den Bikura auf das Shrike. Das Shrike ist ein humanoides Wesen mit metallischem Äußeren, großen roten Augen und überall Stacheln und Klingen. Entsprechend hat es auch sehr gefährlich aussehende Hände.
Schließlich dringt Duré in ein inneres Sanctum vor und erhält dort das Kruziform, von dem die Bikura gesprochen haben. Es ist ein kreuzförmiges Ding, das er vorne auf dem Brustbein trägt. Nach kurzer Zeit verankert es sich aber in seiner Haut, und es wachsen Adern oder Stränge daraus hervor. Es wird zu einem Teil von ihm. Und später erlebt er dann auch, dass er, wenn ihm etwas passiert, mithilfe dieses Kruziforms wieder aufersteht.
Er versucht, das Ding abzuschneiden, aber es ist unmöglich. Es tut viel zu weh, er hält das nicht aus. Er versucht auch, die Bikura zu verlassen. Sein Tagebuch endet dann, und Hoyt erzählt den anderen, dass Duré sich zuletzt an einen sogenannten Tesla-Baum selbst gekreuzigt hat. Diese Tesla-Bäume sind Bäume auf Hyperion, die sich unter bestimmten Wetterbedingungen entladen und unglaubliche Mengen an Licht, Elektrizität, Strahlung und Blitzen abgeben.
Duré wird dort also immer wieder getötet, wenn diese Entladungen stattfinden, und steht dann durch das Kruziform wieder auf – und hängt weiter an diesem Baum. Hoyt sagt, er habe ihn gefunden, und als er ihn berührt, fällt das Kruziform von Durés Körper ab, und Duré kann endlich endgültig sterben. Die Bikura werden später mit Atomwaffen ausgelöscht. Aber am Ende ist Hoyt ebenfalls mit dem Kruziform infiziert, das von Duré auf ihn übergegangen ist. In der deutschen Übersetzung heißt es übrigens „Kruziform“.
Dann nehmen wir die nächste Geschichte: die Geschichte des Soldaten, „Die Liebenden im Krieg“. Wenn die erste Geschichte, die des Priesters, vom Verhältnis des Menschen zu Gott und zur Religion handelt, dann haben wir es in der zweiten mit Military SF zu tun, und dementsprechend lehnt sie sich auch an die Konventionen dieses Genres an.
Die Geschichte beginnt mit dem Soldaten Kassad während seiner Ausbildung bei der FORCE, also der Verteidigungsarmee der Hegemonie. Er befindet sich in einer Simulation der Schlacht von Agincourt. Während dieser simulierten Schlacht wird Kassad fast getötet, aber von einer geheimnisvollen Frau gerettet, die dann mitten in der Schlacht mit ihm schläft. Als er danach aufwacht, ist sie verschwunden. Er versucht sie während der restlichen Ausbildung an der Akademie wiederzufinden, schafft es aber nicht. Nur in diesen simulierten Kämpfen begegnen sie sich immer wieder.
Kassad beendet seine Ausbildung und wird ein hochdekorierter Soldat, vor allem, weil er einen Konflikt löst, in dem ein völkermordender muslimischer Extremist – der sogenannte Neue Prophet – von ihm besiegt wird. Nach diesem Sieg wird er von der Frau erneut im Traum besucht. Bevor sie ihm aber eine Botschaft überbringen kann, wacht er wieder auf.
Danach wird Kassad nach Bressia geschickt, um den Planeten und seine Bevölkerung gegen eine Ouster-Flotte zu verteidigen. Das schafft er in einem blutigen Guerillakrieg innerhalb von 99 Tagen, weshalb er später auch „der Schlächter von Bressia“ genannt wird, weil er seine Soldaten in rücksichtslosen und ethisch fragwürdigen Kämpfen verheizt, um den Krieg zu gewinnen. Solche Kriegsführung war in der Hegemonie bis dahin eigentlich nicht mehr üblich.
Am Ende der Schlacht wird Kassad verletzt und auf ein Lazarettschiff gebracht. Dieses Schiff wird von Ousters angegriffen, und Kassad gelingt es zu überleben und sogar das Ouster-Schiff zu kapern. Er entkommt und legt schließlich eine Bruchlandung auf Hyperion hin. Da haben wir dann seine Verbindung zu diesem Planeten.
Als er dort erwacht, trifft er die geheimnisvolle Frau tatsächlich in der realen Welt. Sie heißt Moneta. Er ist in der Stadt der Dichter abgestürzt, also einer Siedlung in der Nähe der Zeitgräber. Ein Ouster-Schiff ist ihm auf den Planeten gefolgt, wird dort aber vom Shrike niedergemetzelt – sehr blutig beschrieben. Moneta erklärt ihm dann etwas über die Zeitgräber: nämlich, dass sie von Antientropiefeldern umgeben sind und sich so gewissermaßen rückwärts durch die Zeit bewegen.
Kassad kann dann auch den Dornenbaum des Shrike sehen. Das ist ein großer metallischer Baum, auf dem das Shrike seine Opfer aufspießt und in ewiger Qual hängen lässt. Moneta führt Kassad zu einem der Gräber. Dort legt sie einen Schutzanzug an, das Shrike erscheint, und Moneta sagt, dass das Shrike tatsächlich auch die Zeit beeinflussen kann, sogar anhalten kann.
Kassad und Moneta kämpfen dort noch gegen einige Ousters. Wir haben wieder einiges an Blut, wie es sich für Military SF gehört. In dieser blutigen Szene, nachdem die Ouster-Soldaten in Stücke gehackt wurden, schlafen Kassad und Moneta erneut miteinander. Während des Koitus wachsen aus Monetas Haut stählerne Stacheln, und ihre Sehnen werden zu Klingen. Kassad hat dabei eine Vision eines großen interstellaren Krieges, den er auslösen wird. Das erschreckt ihn so sehr, dass er ohnmächtig wird.
Zwei Tage später wird er von den planetaren Verteidigungskräften Hyperions gefunden. Danach quittiert er den Dienst und zieht sich 16 Jahre lang zurück. Er hängt sein Soldatenhandwerk erst einmal an den Nagel und wendet sich dem Pazifismus zu. Damit endet die Geschichte des Soldaten.
Die Geschichte des Dichters, also „Hyperion-Gesänge“, beginnt ganz biblisch:
„Am Anfang war das Wort. Dann kam der verdammte Wortprozessor. Dann kam der Gedankenprozessor. Dann kam der Tod der Literatur.“
So ungefähr. Und das ist eigentlich schon fast eine Zusammenfassung der Geschichte.
Martin Silenus ist unser Dichter. Er erzählt im Grunde seine Lebensgeschichte. Er ist auf der alten Erde in relativem Reichtum aufgewachsen. Erst mit 16 Jahren hat er Armut kennengelernt und musste sich erst mal übergeben, als er seinen ersten Bettler gesehen hat. Er wurde von Privatgelehrten unterrichtet, hat eine beste humanistische Bildung genossen, Latein gelernt, Altgriechisch gelernt und sich mit Literatur beschäftigt – und das alles ohne irgendwelche Augmentierungen. Das hält er selbst für seine große Überlegenheit.
Allerdings wächst er zu einer Zeit auf, als die alte Erde bereits im Sterben liegt. Seine Mutter schickt ihn daher fort, als die Hidschra beginnt, also die große Auswanderung. Er reist in einem Schiff im kryogenen Schlaf, einem Unterlichtgeschwindigkeitsschiff. Das hatte aber unangenehme Folgen, denn damals führte das bei einer von sechs Personen zu schweren Schäden. In seinem Fall zu einem Schlaganfall, der ihn die rechte Gehirnhälfte kostete.
Er landet auf Heaven’s Gate und muss dort erst einmal einige Jahre mit einem Vokabular von nur wenigen Worten auskommen. Es waren neun:
„Fuck, shit, piss, cunt, goddamn, asshole, motherfucker, peepee und caca.“
Darauf beschränkt sich erst einmal seine gesamte Welt als Dichter. Er sagt selbst, das sei für ihn gar nicht so schlimm gewesen, denn der Dichter drücke nicht Wörter aus, sondern Wahrheit.
Auf Heaven’s Gate, diesem üblen Loch, wo das Sprichwort lautet „Atme und stirb“, muss er drei Jahre lang Schlamm schaufeln und beginnt dort tatsächlich an seinen Gesängen zu arbeiten. Durch einen glücklichen Zufall geraten die Manuskriptseiten an eine Verlegerin, als er das Sprechen wieder gelernt hat. Sie findet das großartig, veröffentlicht das Buch, und plötzlich wird er innerhalb weniger Tage von einem der ärmsten Menschen der Hegemonie zu einem der reichsten, denn seine Geschichte „The Dying Earth“ verkauft sich milliardfach.
Allerdings kürzt die Verlegerin für den Erfolg einiges heraus, was ihr nicht passt. Weil das Buch aber so erfolgreich ist, erlaubt sie ihm beim nächsten Werk – einer Fortsetzung beziehungsweise einem Buch über sein Leben auf Heaven’s Gate –, so zu schreiben, wie er will. Das Ergebnis: Es verkauft sich nur noch einige tausend Mal. Es war also zu gut, um sich gut zu verkaufen.
Daraufhin zwingt ihn die Verlegerin, weitere Fortsetzungen seines Bestsellers zu schreiben, die aber ziemlicher Schund sind. Nachdem er sich dann zehn Jahre lang mit Drogen, Alkohol und Masturbation ruiniert hat, entscheidet er, weil er seine Muse verloren hat, alles hinter sich zu lassen, sein Haus zu verkaufen – ein Haus mit 37 Zimmern auf 36 Welten – und sich dem Dichterkönig Billy anzuschließen. Dieser führt einen Hofstaat aus gescheiterten Dichtern nach Hyperion, in die Stadt der Dichter.
Die Stadt wird aufgebaut, und zunächst ist alles gut. Dann aber beginnt das Shrike, in der Stadt sein Unwesen zu treiben und ihre Bewohner einen nach dem anderen abzuschlachten. Das sorgt dafür, dass Martin Silenus seine Muse wiederfindet und an seinen Gesängen weiterarbeiten kann. Die Geschichte endet damit, dass der Dichterkönig Billy dies gegenüber Martin Silenus erwähnt – und kurz darauf vom Shrike geholt und an den Dornenbaum gehängt wird.
Martin Silenus ist darüber so bestürzt, dass er beginnt, sein Manuskript zu verbrennen. Die Geschichte unseres Dichters endet also damit, dass er seinen Cantos nicht vollenden kann, weil ihm das mordende Shrike als Muse fehlt.
Ich erzähle die Geschichte des Gelehrten. Einer der Pilger heißt Sol Weintraub. Er fällt dadurch auf, dass er ein kleines Baby mit sich führt. Dieses Baby ist seine Tochter Rachel. Sie hatte zunächst ein ganz normales Leben auf Barnard’s World mit ihrer Familie, mit ihrem Vater Sol Weintraub und der Mutter Sarah Weintraub.
Im Alter von 20 Jahren reist sie als Archäologin mit einer Gruppe anderer Wissenschaftler nach Hyperion, mit der üblichen Zeitschuld, um dort die außerirdischen Artefakte, also die Zeitgräber, zu erforschen. Während einer Art Nachtwache, bei der sie sich allein in einem Zeitgrab namens die Sphinx befindet, fallen plötzlich alle Geräte aus. Die Anzeigen spielen verrückt und zeigen Räume an, wo vorher keine waren. Alles wird dunkel, alles fällt aus, und Rachel wird ohnmächtig. Vorher hat sie Todesangst, weil sie sich verfolgt fühlt.
Nach dieser Nacht ist Rachel verändert. Zunächst fällt das kaum auf, aber nach einem Tag bemerkt man, dass sie, wenn sie geschlafen hat, den Vortag vergisst. Wie sich dann herausstellt, altert Rachel ab diesem Tag rückwärts. Das wird Merlins Krankheit genannt. Jeden Morgen wacht sie auf und kann sich nur noch an alles bis einschließlich des Vortages erinnern. Mit jedem Schlaf verliert sie die Erinnerungen an einen weiteren Tag ihres Lebens, und gleichzeitig wird sie physisch immer jünger.
Seit diesem Vorfall hat Sol Weintraub immer denselben Traum: Eine Gestalt mit roten Augen befiehlt ihm mit Donnerstimme, seine Tochter Rachel nach Hyperion zu bringen und sie dort als Opfer darzubringen. Das Ganze erinnert stark an die biblische Geschichte von Abraham und Isaak. Sol Weintraub beschäftigt sich – obwohl er zuerst eher als Historiker bezeichnet wird – sehr stark mit allen möglichen ethischen Systemen. Im Grunde ist er Philosoph. Er setzt sich intensiv mit der Frage auseinander, wie es sein kann, dass ein Gott einem Vater befiehlt, sein Kind zu töten. Und nun wird er selbst in eine ähnliche Situation gezwungen.
Zunächst weigert er sich, dem Traum zu folgen und nach Hyperion zu reisen. Rachel wird aber immer jünger, und das erzeugt massive Probleme. Alle Menschen um sie herum werden älter – ihre Eltern, ihre Freunde –, und sie wird immer jünger und vergisst alles. Es werden alle möglichen Kuren ausprobiert, aber nichts hilft. Rachel hat einen Freund namens Meliu, der selbst mit einem Forschungsteam zu den Zeitgräbern reist, um dort etwas herauszufinden. Nach mehreren Jahren hat auch er keine Lösung.
Irgendwann geht Sol dazu über, auf Bitten seiner Tochter Rachel jeden Morgen so zu tun, als sei alles normal. Man gaukelt ihr ein normales Leben vor und verhindert, dass sie mit alten Schulfreunden Kontakt aufnimmt, damit sie nicht täglich aufs Neue merkt, wie kaputt ihr Leben eigentlich ist. Das geht so lange weiter, bis Rachel schließlich so jung ist, dass sie wieder ein Baby ist – das Baby, das Sol dann auf seine Pilgerfahrt mitnimmt.
Wie sich herausstellt, hat auch Sarah Weintraub denselben Traum wie Sol. Irgendwann sprechen sie darüber, und Sarah möchte, dass Sol tatsächlich nach Hyperion geht. Sie stirbt dann bei einem Unfall, und am Ende ist Rachel dieses kleine Baby, das Sol mit auf die Pilgerfahrt nimmt.
Er darf aber nicht so einfach nach Hyperion. Der Planet ist inzwischen Sperrzone, und keine Touristen oder Pilger dürfen dorthin. Also geht Sol an die Öffentlichkeit, tritt in einer Talkshow auf und sorgt dafür, dass man ihm hilft. Es wird öffentlichkeitswirksam vermarktet, dass Rachel sterben müsse, wenn man ihm die Pilgerreise verwehrt. So setzt er es schließlich durch.
Am Ende seiner Geschichte geht die ganze Gruppe nach draußen, bewundert die Sterne, und plötzlich erkennt man, dass das Baumschiff von Het Masteen von den Ousters zerstört wird. Die Ousters greifen an. Masteen reagiert merkwürdig, zieht sich zurück, und am nächsten Tag ist sein Raum leer. Man findet eine Menge Blut. Alle sind verwirrt.
Die Geschichte des Gelehrten wird dann erst im zweiten Teil von Hyperion aufgelöst. Sol bringt Rachel tatsächlich zum Shrike. Er steht vor der Sphinx. Das Shrike kommt heraus, Sol drückt ihm Rachel in die Hände, und das Shrike verschwindet mit dem Baby im Zeitgrab. Sol versucht hinterherzulaufen, kommt aber durch die Entropiefelder nicht hinein.
In der Sphinx selbst befindet sich jetzt der Keats-Kybrid. Und mit Hilfe eines anderen Artefakts, das einer der Pilger im Gepäck hatte, schafft er es, dem Shrike das Baby wieder abzunehmen. Später kommt dann plötzlich eine erwachsene Rachel mit dem Baby Rachel aus dem Zeitgrab zurück. Diese erwachsene Rachel wird dann als Moneta identifiziert. Die Kassad-Episode liegt für sie aber noch in ihrer Zukunft. Diese erwachsene Rachel kommt also aus der Zukunft und wurde ausgebildet, um das Shrike in Schach zu halten.
Dadurch muss sie auch wieder in diese Zukunft zurück. Sie bittet Sol, nach einer kleinen Wartezeit ebenfalls durch das Zeittor zu gehen. Das Tor wird für ihn anders reagieren als für sie. Sol wird in einer Zukunft landen, in der er Baby Rachel noch einmal großziehen darf. Er hat Rachel einmal vorwärts großgezogen bis zum Alter von 20 Jahren, dann rückwärts zurück bis zum Baby, und jetzt bekommt er die Möglichkeit, sie noch einmal ganz normal bis ins Erwachsenenalter zu begleiten – in einer fernen Zukunft. Damit endet die Geschichte des Gelehrten.
Okay, also Brawne Lamia ist eine private Detektivin. Ihr gegenwärtiger Klient ist ein Kybrid, also ein Körper, der von einer TechnoCore-KI kontrolliert wird, und dieser Kybrid heißt Johnny. Sie und Johnny reisen per Farcaster zu einem Planeten, der aussieht wie eine perfekte Kopie der alten Erde. Sie werden ein Liebespaar. Lamia und Johnny unternehmen eine virtuelle Reise in den TechnoCore hinein. Dort entdecken sie, dass die künstlichen Intelligenzen des Core untereinander zerstritten sind und in verschiedene Fraktionen zerfallen.
Die einen wollen die ultimative Intelligenz erschaffen, also eine gottähnliche, allwissende, allmächtige Wesenheit. Andere sind gemäßigter. Im Wesentlichen gibt es drei Fraktionen.
Von der Handlung her noch: Johnny wird bei einem Konflikt getötet, schafft es aber vorher noch, sein Bewusstsein in Lamias Schädelimplantat zu übertragen. Sie ist von Johnny schwanger geworden, wird von Shrike-Kultisten gerettet und bekommt Asyl bei der Kirche des Shrike – unter der Bedingung, dass sie an einer Pilgerfahrt nach Hyperion teilnimmt. Sie ist dann schwanger mit einem Mädchen, und dieses Mädchen wird später keine Geringere als Aenea sein, also die Hauptfigur von Endymion.
Ja, also die drei Fraktionen – ich habe das noch mal nachgeschlagen – heißen:
the Stables, the Volatiles und the Ultimates.
Die Stables glauben, dass Menschen und TechnoCore koexistieren können. Die Volatiles halten Menschen nicht mehr für nützlich und eher für eine Gefahr. Und die Ultimates wollen diese letzte Intelligenz erschaffen, also eine Superintelligenz, die die Zukunft mit perfekter Genauigkeit vorhersagen könnte.
Das wird Lamia und Johnny dort erklärt. Und die KI, der sie begegnen, sagt auch, dass es im Grunde zwei mögliche Zukünfte gibt. Entweder haben die KIs das Shrike erschaffen und in die Vergangenheit geschickt, um die Menschheit zu vernichten. Oder die Menschen der Zukunft haben das Shrike zurückgeschickt, um den TechnoCore zu vernichten, bevor er die Menschheit vollständig beherrschen kann. In beiden Fällen läuft alles auf einen Krieg zwischen Menschen und KIs hinaus. Das wird im TechnoCore als nahezu unausweichlich präsentiert.
Ich wollte das eigentlich später sagen, aber dann machen wir es jetzt gleich: Wenn man das mit heutiger KI-Theorie oder Transhumanismus vergleicht, sind das im Grunde drei Möglichkeiten. Die Ultimates streben die Singularität an – eine Superintelligenz, die alles überragt. Die Stables wollen Koexistenz. Und die dritte Fraktion glaubt eben nicht an diese friedliche Koexistenz. Wobei die Geschichte mit dem Shrike natürlich auch bedeutet, dass die Ultimates möglicherweise nie erfolgreich waren. Sonst wäre die SI vielleicht so weit über allem gestanden, dass dieser ganze Konflikt gar keine Rolle mehr gespielt hätte.
Gut, dann versuche ich mich mal kurz an der letzten Geschichte, der Geschichte des Konsuls. Und zwar ist das auch die einzige Geschichte, an die ich mich nach 10 oder 15 Jahren noch deutlich erinnern kann. Der Konsul ist auf einem Schiff, das auf einer weit entfernten Wasserwelt einen Farcaster errichten soll. Dazu müssen mehrere relativistische Flüge dorthin gemacht werden, und jedes Mal vergeht auf diesem Planeten eine große Zeitspanne. Er verliebt sich dort am Anfang in eine Frau, und sie wird mit jedem Wiedersehen älter, während er jung bleibt, weil für ihn zwischen den Besuchen nur wenige Wochen vergehen.
Am Ende kommt es zu einer Revolution auf dem Planeten, die niedergeschlagen wird. Das ist eine klassische Liebesgeschichte über die Zeit, ähnlich wie in anderen relativistischen Geschichten – ganz nett gemacht. Lustig ist, dass dieser Wasserplanet später das Badezimmer des Poeten in seinem Haus wird, das sich über wie viele Welten erstreckt?
Ich glaube, das waren 37 Zimmer auf 36 Welten.
Genau. Und eines davon ist das Badezimmer, und dieses Badezimmer ist ein Floß auf dieser Welt. Eine Toilette ohne Wände. Das ist natürlich auch eine Kritik daran, wofür die Menschen diese Farcaster letztlich benutzen: um reiche Leute in einer Toilette baden zu lassen. Dafür wurde eine ganze Kultur zerstört – Menschen, die in relativer Zeit dorthin gereist waren, die sich eine Welt aufgebaut hatten, die mit ihrem Ökosystem zusammenlebten. Dann kommt diese Technologie des instantanen Reisens, und danach wird alles ausgebeutet. Das ist eine ganz einfache, aber schöne Geschichte.
Und damit hätten wir es eigentlich.
Ich denke, wir sollten beim Konsul die große Enthüllung am Ende nicht unerwähnt lassen: nämlich dass er tatsächlich das Kind der Liebe zwischen dem Farcaster-Architekten und der Anführerin auf Maui Covenant ist. Und dass er Konsul der Hegemonie geworden ist, um eines Tages die Hegemonie an die Ousters zu verraten und sich so für den Untergang seines Heimatplaneten zu rächen.
Und genau das ist auch eine Stärke dieses ersten Bandes: Er ist wahnsinnig gut gelungen, und der zweite Band stützt das wunderbar ab – auch weil nicht alles aufgelöst wird. Diese philosophischen Fragestellungen, die während der Pilgerfahrt aufgeworfen werden, bleiben in Teilen beim Leser.
Hm. Also okay. Ich finde, das ist gute Popcornunterhaltung, aber welche philosophischen Fragestellungen meinst du genau?
Na ja, wir haben am Anfang die Geschichte des Priesters, also das Verhältnis von Mensch und Gott. Das Gleiche wird ja auch bei Sol Weintraub wieder aufgenommen. Das sind durchaus Fragen, mit denen man sich auseinandersetzen kann. Sol führt regelrechte Streitgespräche mit Gott in Gedanken und arbeitet sich daran ab. Ist Gott böse, wenn er Abraham befiehlt, seinen Sohn zu opfern? Ich bin auch atheistisch, aber mir hat das trotzdem sehr gut gefallen. Das ist wirklich großartig und panoramisch entwickelt.
Und es werden natürlich viel mehr Fragen aufgeworfen. Wir hatten zuletzt Maui Covenant, das im wahrsten Sinne des Wortes zur Toilette der Hegemonie wird. Das Verhältnis von Technologie und Umwelt. Dann Het Masteen und sein Baumkult – eine Gruppe, die sich dem Schutz der Umwelt verschrieben hat, aber gleichzeitig Tourismus und bewohnte Weltbäume zulässt. Das wird dann in Endymion wieder aufgegriffen, weil der Planet in Der Fall von Hyperion tatsächlich von der Ouster-Flotte beziehungsweise den Kräften des TechnoCore vernichtet wird. Mit ihm auch der Weltenbaum von God’s Grove, ein Baum mit 80 Kilometern Durchmesser.
Der heißt sogar Yggdrasil, oder?
Ja, genau. Wie der Weltenbaum aus der nordischen Mythologie. Also ich finde schon, dass da einige philosophische Fragen aufgeworfen werden. Und was mich im ersten Buch unglaublich beeindruckt hat, war, dass ich zunächst dachte: Wow, was für eine tolle Welt, was für eine wahnsinnig entwickelte Zivilisation. Und mit jeder Geschichte entzaubert Simmons diesen vermeintlich paradiesischen Zustand Stück für Stück und zeigt, was für eine Dystopie tatsächlich hinter der Hegemonie steckt – die ja dann am Ende sogar von ihrer eigenen Präsidentin vernichtet wird, indem sie die Farcaster abschalten lässt.
Ich würde nicht so weit gehen und sagen, es ist dystopisch. Es ist halt eine Space Opera. Andere Space Operas, die ähnlich aufgebaut sind, benutzen auch ähnliche Technologien. Es gibt hier ganz eindeutig den TechnoCore als über allem liegenden Antagonisten, und der kehrt in verschiedenen Inkarnationen wieder. Das große Geheimnis der ersten beiden Bücher ist ja letztlich: Wo befindet sich der TechnoCore? Die Antwort ist: im Zwischenraum zwischen den Farcaster-Portalen. Die Maschinenintelligenzen haben sich von der Menschheit abgespalten und existieren in diesem Zwischenraum. Und sie verwenden die Menschen, die durch die Portale gehen, gewissermaßen als Matrix, als Rechenleistung. Ohne die Menschen funktionieren sie nicht.
Okay, das kann man so machen. Es ist dann natürlich schon ziemlich fantastisch. Mit Hard Science Fiction hat das nicht mehr viel zu tun. Aber es ist eine nette Idee und erklärt, warum die Portale abgeschaltet werden müssen. Ein bisschen überreaktionshaft ist es natürlich schon, und es hat, wie wir vorhin gesagt haben, extrem lustige Auswirkungen. Ein Haufen Leute sterben halt. Aber gut.
Ich fand auch diese Untergangssekte lustig, die auf einem Planeten ganz tiefe Tunnel gebaut hat, weil sie auf den Weltuntergang wartet. Zwischen den Räumen haben sie aber keine Türen gebaut, sondern Farcaster-Portale – und die fallen dann aus. Also: Sie hatten recht, der Weltuntergang kommt, aber sie haben sich selbst in ihren Tunneln eingesperrt und dürfen dort elend verenden. Das ist schon bitterkomisch.
Was ich auch spannend finde: Es gibt viele Seitenhiebe auf die katholische Kirche, auf den muslimischen Glauben und auf andere religiöse Systeme. Dazu jede Menge literarische Anspielungen. Simmons hat eben einfach alles drin. Er hat Portale, relativistische Zeitdilatation, diese Liebesgeschichte über verschiedene Lebenszeiten hinweg – er jongliert mit unglaublich vielen Motiven und setzt sie an verschiedenen Stellen zusammen.
Mir ist das ehrlich gesagt fast zu viel. Ich habe das Buch vor 15 Jahren schon einmal gelesen und irgendwann abgebrochen, weil es einfach zu viel wurde. Diesmal will ich es aber auf jeden Fall zu Ende lesen. Es ist sehr gut. Ich finde nicht, dass es zu viel ist. Es ist auf jeden Fall sehr literarisch. Er lehnt sich an viele Dinge an, hat unglaublich viel gelesen, und das merkt man.
Was bei Simmons bei mir immer im Kopf geblieben ist, ist dieses Bild der stehenden Wellen für das Bewusstsein. Das kommt auch in Olympus und hier vor. Es ist ein schönes Bild. Nicht ganz korrekt, aber sehr einprägsam. Er hat das irgendwo aufgeschnappt, und es ging ihm offenbar nicht aus dem Kopf.
Es gibt auf jeden Fall eine starke allegorische Ebene in dem ersten Teil. Bei den Bikura spekuliert ja auch Duré, dass sie eine christliche oder katholische Botschaft im Laufe der Zeit völlig missverstanden und dann auf ihre Weise umgedeutet haben – mit dem wahren Tod, dem Kruziform und so weiter. Und das wäre dann vielleicht auch eine politische oder philosophische Allegorie auf das Problem von Missionierung.
Wobei: Die Bikura töten ja jeden, der kein Kruziform hat. Wenn du kein Kruziform trägst, musst du sterben. Das ist erst mal schlicht Ingroup/Outgroup-Denken. Ich würde nicht sagen, dass die unbedingt christlich geprägt worden sein müssen. Es könnte genauso gut etwas ganz anderes gewesen sein. Klar ist nur: Sie sind dort lange vor der Farcaster-Ära gestrandet. Fast alle starben beim Absturz, und die, die überlebten, wurden von diesem Parasiten infiziert. Dieser Parasit hat sie über Hunderte von Jahren immer wieder auferstehen lassen. Dadurch wurden sie genetisch immer kaputter – Kopien von Kopien von Kopien. So weit, dass sie sich körperlich zurückentwickelt haben. Also ja, das ist ihre Religion, aber sie muss nicht direkt aus einer christlichen Mission entstanden sein.
Ja, das stimmt. Aber Simmons spielt eben gern mit solchen Ideen. Er nimmt Religion oder geschichtliche Motive und erklärt sie dann innerhalb seines Universums anders. Das ist, glaube ich, etwas, das ihm Spaß macht. Der ganze Weltenbau – die vielen unterschiedlichen Zivilisationen und Kulturen, die er entwirft – ist ohnehin beeindruckend.
Ich habe von ihm außer Hyperion dann nur noch Ilium gelesen. Und ich musste da wirklich lachen, als ich diese olympischen Götter auf dem Olympus Mons auf dem Mars gesehen habe. Natürlich muss das auf dem Mars spielen, weil dort der Olympus Mons steht. Simmons nimmt dann genau das und macht daraus seine Bühne.
Ja, ganz kurz dazu: In Ilium haben wir im Grunde die Ilias-Geschichte, aber real gemacht. Diese Wesen benutzen Zeitreisen, sie sind nicht mehr an menschliche Körper gebunden, sondern technologisch so weit fortgeschritten, dass sie sich eigene Körper schaffen und die Realität beeinflussen können. Sie reisen in den Trojanischen Krieg zurück und werden zu den Göttern. Dadurch ergibt sich dieser Zirkelschluss: Waren diese göttlich gewordenen Menschen immer schon da? Oder kamen sie erst später und haben die Geschichte erzeugt? Und deshalb holen sie auch diesen Historiker dazu, um zu prüfen, inwieweit sich ihre Version von der überlieferten Geschichte unterscheidet.
Ich mochte griechische Mythologie immer sehr, und ich habe das auch so verstanden: Simmons nimmt die homerische Erzählung und macht sie real. Er erklärt, wie es sein könnte, dass die Götter im Trojanischen Krieg tatsächlich eingreifen.
Genau. Und dann kommt noch all das drumherum. Dazu sind wir jetzt nicht vorbereitet, aber ja: Der Trojanische Krieg und dann später die Odyssee, also diese beiden großen homerischen Komplexe. Und auch da ist vieles Satire, vieles historischer Schatten, vieles verstehen wir heute nicht mehr. Ich erinnere mich zum Beispiel an die berühmte Beschreibung der Göttinnen als „kuhäugig“. Das ist interessant.
Da gibt es ja die Theorie, dass das mit den langen dunklen Wimpern und dem Schönheitsideal zu tun hat. Und man findet Ähnliches auch in ägyptischen Darstellungen. Simmons liebt es jedenfalls, wenn er nicht gerade rein historische Stoffe wie The Terror oder Drood bearbeitet, sich an realen Dingen abzuarbeiten – und dann bei dem, was man nicht weiß, komplett frei zu drehen.
Und er hat in all seinen Geschichten fantastische Elemente. Ja, man kann sagen, es seien Science-Fiction-Elemente, aber das ist wirklich haarscharf an Fantastik und Märchen vorbei. Bei Hyperion und Endymion sowieso.
Warum sage ich immer „Indymion“? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich, weil es so spät ist.
Es ist so ein bisschen das Ulysses der Science Fiction. Die Leute lesen das einmal. Also ich freue mich, dass hier viele anwesend sind, die es wirklich toll finden und alles gelesen haben. Aber bei mir ist es so: Ich hatte Probleme mit Hyperion. Ich werde es zu Ende lesen, aber dann vermutlich erst einmal nichts Weiteres. Und mit Ilium hatte ich auch Probleme, weil es mir irgendwann zu spielerisch mit der Urmythologie umging.
Also ich finde Ilium und Olympus besser als Hyperion. Wobei: Hyperion, also der erste Band, ist das Beste. Die anderen drei sind schwächer oder konventioneller. Diese tollen philosophischen, ethischen und literarischen Anspielungen sind vor allem in diesem ersten Buch. Und später driftet es dann stark ab – etwa in diese Fähigkeit, sich selbst zu teleportieren. Das wird dann schon sehr fantastisch, fast schon Harry-Potter-mäßig. Nett zu lesen, aber der erste Band von diesen vieren ist eindeutig der stärkste.
Ilium und Olympus gefallen mir dann wieder besser, und es ist eben eine abgeschlossene Geschichte in zwei Bänden. Wobei man auf den Erdenstrang dort eigentlich fast verzichten könnte.
Ja, am Ende kommen sie dann in diese Wiederbelebungszone, wo die Menschen normalerweise hingefaxt und erneuert werden, und zerstören diese Tanks oder Sarkophage. Dadurch werden die Menschen wieder sterblich. Dann gibt es einen Showdown mit dem Monster, soweit ich mich erinnere. Aber vieles ist bei mir auch schon länger her.
In Der Fall von Hyperion hatte ich am Anfang furchtbar zu kämpfen. Das erste Buch endet mit so einem riesigen Spannungsbogen, und dann marschieren die Pilger Richtung Zeitgräber – und im nächsten Buch geht es gefühlt mit einer komplett anderen Handlung los. Und sehr lange kommt man nicht wieder dahin zurück. Man fragt sich ständig: Was ist jetzt mit den Zeitgräbern?
Ja, genau. Das hatte ich auch. Da beginnt eine riesige Wanderung von Meina Gladstone über verschiedene Welten, und man fragt sich: Wo ist der rote Faden? Das ist eine ziemliche Abschweifung.
Wobei man natürlich auch spekulieren kann, ob die Hyperion-Gesänge, die Martin Silenus geschrieben hat, in gewisser Weise das Buch sind, das wir lesen – so wie Endymion ja die Aufzeichnungen von Raul Endymion sind. Das würde ich Simmons zumindest zutrauen.
Ja, das haben wir noch gar nicht gesagt: In Endymion, das ungefähr 300 Jahre nach den Ereignissen der Hyperion-Gesänge spielt, ist es ja so, dass Martin Silenus im Grunde Raul Endymion vor dem sicheren Tod rettet und ihn auf die Reise mit Aenea schickt. Und im Grunde bringt er den Stein erst ins Rollen. Da kommt dann auch heraus, dass Silenus nach dem Fall von Hyperion seinen Cantos tatsächlich noch vollendet hat und dass dieses Werk eines der wichtigsten Bücher in der vom Pax beherrschten Welt ist – allerdings verboten, weil darin Wahrheiten stehen könnten, die man nicht lesen soll. Das wird ziemlich stark angedeutet.
Für Neulinge ist das vielleicht auch ganz gut zu wissen: Endymion erklärt einige der Fragen, die in Hyperion offenbleiben. Das ist vielleicht auch wichtig für Zuhörer, die jetzt überlegen, ob sie die Bücher lesen sollen. Man muss schon damit leben können, dass viele Wege beschritten werden und dass das keine klassische Geschichte mit sauberer Auflösung ist.
Der Fall von Hyperion ist ja stark geprägt durch den Keats-Kybrid. Da geht es viel um Keats, um Meina Gladstone, um Politik. Ich finde, es ist noch der space-operatischste Teil der vier Bücher.
Ich finde es lustig, dass ich mich an große Teile von Hyperion noch erinnern kann – an den Priester, an die Wassergeschichte am Ende, an die TechnoCore-Sache –, und an Endymion erinnere ich mich an den Anfang, die Kruziforme und die Zerstörung der organischen Dyson-Sphäre. Dann weiß ich noch, dass sie diese Reise gemacht haben, und dass mir die irgendwann ziemlich egal war. Und am Ende hieß es dann: Ah, man kann sich also mental selbst wegbeamen. Okay, fein. Hat mich emotional nicht so gepackt.
Stefan, wie kommt es denn, dass dich Endymion emotional stärker berührt hat als Hyperion?
Ich finde, es ist eine wunderschön erzählte Liebesgeschichte zwischen Raul Endymion und Aenea. Und es gibt einen Twist, der mich wirklich sehr überrascht hat.
Okay. Es ist jetzt ein bisschen blöd, den zu verraten.
Doch, mach. Wir setzen jetzt einfach gedanklich eine Spoiler-Marke.
Die hätten wir eigentlich am Anfang setzen sollen.
Ja. Also: Raul verbringt einen Großteil seines Lebens mit Aenea, und die beiden werden ein Paar. Das ist sehr berührend und nachvollziehbar geschrieben. Dann gibt es im zweiten Buch eine Passage, die ziemlich verwirrend ist: Aenea ist plötzlich für ein Jahr verschwunden. Als sie zurückkommt, hat sie ein Kind. Sie erklärt aber nicht, was in diesem Jahr passiert ist.
Raul ist natürlich völlig fertig und eifersüchtig und denkt, sie habe ihn betrogen und habe jetzt ein Kind von einem Fremden.
Genau. Und dann stellt sich später heraus, dass sie zu ihm aus der Zukunft zurückgekehrt ist, als er in dieser Schrödinger-Katze-artigen Situation gefangen sitzt, und das Kind mit ihm gezeugt hat.
Ja. Das fand ich eher unerquicklich. Das hat mich emotional nicht abgeholt, eher im Gegenteil.
Ich fand gerade gut, dass er zu ihr hält, obwohl er denkt, das Kind sei von jemand anderem.
Und dann ist es am Ende doch von ihm. Ja, okay.
Man muss es halt im Zusammenhang lesen. Wenn man es so zusammenfasst, klingt es merkwürdig. Aber wenn Simmons das mit all der Atmosphäre, der Liebesgeschichte und der Figurenentwicklung erzählt, dann funktioniert das für mich. Die große Stärke von Endymion ist eben, dass wir nicht tausend Geschichten haben, sondern einen durchgehenden Handlungsstrang und eine überschaubare Personenzahl. Das erleichtert die Identifikation.
Was wir von den drei Hauptfiguren noch gar nicht erwähnt haben, ist A. Bettik – das A steht für Android. Die beiden werden nämlich von einem Androiden begleitet. Und am Ende von Endymion verliert A. Bettik bei einem Angriff einer vom TechnoCore geschaffenen Entität einen Arm. Da habe ich schon gehofft: Hoffentlich stirbt er jetzt nicht. Denn die drei sind mir über 500, 600 Seiten wirklich ans Herz gewachsen.
Kann ich verstehen, dass du das emotional fandest. Aber der faszinierendere Teil ist für mich trotzdem Hyperion.
Ja, die große Stärke von Dan Simmons ist, dass er sehr viele unterschiedliche Charaktere entwerfen kann, die lebendig wirken. Man nimmt sie ihm ab.
Was wir auch noch gar nicht deutlich genug gesagt haben: Er schafft es in Hyperion tatsächlich, allen sechs Geschichten einen unterschiedlichen Klang zu geben. Jede Geschichte liest sich anders. Das ist fantastisch konstruiert. Hyperion ist ohne Frage ein Meisterwerk. Die Ausgangssituation, die Welt, die sechs Geschichten – das ist schon wahnsinnig stark. Und eigentlich ist für jeden etwas dabei. Ich glaube nicht, dass jeder dieselbe Geschichte am besten finden wird, aber das ist gerade der Reiz.
Dann kommt meiner Meinung nach ein Absturz mit Der Fall von Hyperion. Man konnte das Ende aber auch nicht einfach hinten an den ersten Band dranhängen. Und Endymion ist dann wieder ein ganz anderes Tier. Zusammen ergibt es aber einen schönen Kanon.
Vom Englischen kann ich noch sagen: Simmons hat auch auf sprachlicher Ebene einen besonderen Reiz. Er ist sehr wortgewandt, der Stil ist flüssig und gekonnt. Er hat ein großes Vokabular, setzt es aber oft sparsam und präzise ein. Also handwerklich, auf Englisch, sehr stark.
Kann man für die deutsche Übersetzung unterschreiben. Sprachlich überzeugt das sehr. Er ist sehr virtuos in der Verwendung von Metaphern. Es gibt viele Stellen, die ich gern mehrfach lese, wo ich mich frage: Wie macht er das?
Wer die Heyne-Ausgabe in der Reihe „Meisterwerke der Science Fiction“, herausgegeben von Sascha Mamczak, noch bekommt: Da gibt es ein wunderbares Vorwort von Alastair Reynolds. Darin beschreibt er noch einmal sehr schön, wie geschickt Dan Simmons sprachlich arbeitet. Ich weiß nicht, ob ihr das Vorwort gelesen habt.
In meinen Heyne-Ausgaben ist das leider nicht drin.
Nee, ich habe es auch nicht.
Dann ist das wohl nur in dieser Meisterwerke der Science Fiction-Ausgabe. Das ist total toll, weil Reynolds ausgehend vom ersten Satz zeigt, wie gut dieser Weltenbau funktioniert.
Willst du den ersten Satz zitieren und dann lassen wir es damit gut sein als Abschluss?
Gerne.
„Der Hegemonie-Konsul saß auf dem Balkon seines Ebenholzraumschiffs und spielte Rachmaninoffs Prélude in cis-Moll auf einem uralten, aber gut erhaltenen Steinway, während sich große grüne Saurierwesen unten in den Sümpfen drängten und heulten.“
Damit würde ich sagen: bis zum nächsten Mal. Auf Wiederhören.
Tschüss.
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